Ein Wunder....?!
Verzweifelt, wütend, völlig gefrustet so kamen wir von den meisten Spaziergängen mit Hundebegegnungen wieder. Immer wieder Satch, der austickte, was mich immer weiter auf die Palme brachte (bzw. bringt) und uns beiden die Spaziergänge einfach nur madig machte. Ich fühlte mich unfähig meinen Hund zu führen, ihm Sicherheit zu geben und Satch wurde wahrscheinlich eben durch meine Unsicherheit noch weiter verstärkt. Was habe ich rumgedoktert. Wurfkette ganz am Anfang, okay, schnell gemerkt, dass es irgendwie nicht mein Weg ist und sein kann. Anbrüllen und runterdrücken ist auch nicht wirklich besser geschweige denn effektiver und es wurde eigentlich immer schlimmer. Wenn Satch andere Hunde, egal ob Hündinnen oder Rüden zu nahe kamen, dreht er völlig durch und da nützt es ja auch nichts, wenn man versucht zu erklären: Er hat eben Angst. Ja, natürlich..so sieht er auch aus...wie ein ängstlicher Hund.. auf den Hundeplatz habe ich mich mit ihm nur noch unter Anspannung und immer unter Stress getraut. Versagen: Meinen ehemals sozialen Hund habe ich kaputt gemacht, wie unfähig muss man sein. Dann kam der Unfall mit Marley und es wurde alles noch schlimmer, während Marley alles gut wegsteckte, wurde ich jetzt bei dem kleinsten Anzeichen anderer Hunde panisch, allerdings eher auf der anderen Seite, nämlich bei Satchmo. Irgendwann versuchte ich es mit dem Clicker „Hunde schön clickern“. Okay, leichter gesagt als getan, denn nicht immer bzw. eigentlich fast nie, laufen Begegnungen wie im Lehrbuch. Für jemand wie mich, der sehr perfektionistisch veranlagt ist und dass auch bei seinen Hunden gerne haben möchte, war natürlich auch der innere Druck enorm. Denn was nützen einem die Bücher in der Theorie? Was nützt es einem, wenn gesagt wird, da musst du mal ordentlich durchgreifen, der verarscht dich oder Vorwürfe, dass man mit ihm eh nicht zurecht kommt, dabei können sich Leute, die Satch ohne Hundekontakt nicht vorstellen, dass er wirklich sooo austicken kann. In die Stadt habe ich mich schon lange nicht mehr getraut mit dieser „Bestie“ und ihn mitzunehmen auf Agilityturniere. No way. Was für ein Stress und welche Entspannung war es doch nur mit dem Pudel zu fahren...
Im Januar meldeten wir uns dann zu einem Seminar in Oberammergau an. „Training ist...“ war der Titel. Und was war mein erster Gedanke? So ein Mist, dass geht doch gar nicht wie soll das mit Satch werden? So viele Hunde und mein Pöbler? Andererseits wurde der Leidensdruck immer größer. Auf Nachfrage beim Hotel kam nur „Ach, Ute macht das schon.“ Okay, also gebucht. Gewartet und dann war der September da. Oh mein Gott und das mit meinem pöbelnden Labrador.
Und schon der erste Tag nahm soviel Druck von mir und ich hätte heulen können, weil ich ihn jetzt verstand, besser verstand, und mir endlich logisch erschien, warum es immer wieder Rückschläge geben muss und auch darf. Das sein Ventil eben auch mal voll ist und beim Training es durchaus normal ist, dass er an 10 Hunden vorbeigeht ohne ein Laut und am 11. eben nicht. Das er seine Reaktion nicht kontrollieren kann und da es völlig wurscht ist, was wir bisher gemacht haben und wo unsere Fehler lagen. Auf das jetzt kommt es an. Was auch ungeheuer gut tat war, dass es dort Leute gab, die auch Probleme mit ihrem Hund hatten und niemand schief angeschaut oder verurteilt wurde. Es wurde verstanden, wenn der Hund jetzt pöbelt, okay. Auch das nahm soviel Druck und Stress von Satch und mir. Im Prinzip war alles nicht neu, aber es noch einmal zu hören und zu raffen, was das eigentlich aussagt, bringt soviel. Der Hund pöbelt nicht, weil er uns ärgern will, sondern weil er nicht anders kann unter der starken Emotion, ja, eigentlich klar, aber es in den Kopf zu kriegen, nach vielen negativen Erlebnissen ist schwer, aber so hilfreich.
Wir übten, markerten Hunde, keine Wundermethode, sondern so logisch, nachvollziehbar und begründet. Kein Stress, Druck, Fehler dürfen gemacht werden. Ich konnte es nicht glauben, schon nach dieser einen Woche, werden viele Erlebnisse besser, die vorher gar nicht gingen und sei es auch nur durch meine Einstellung: „Er kann nicht anders, wir machen das Erlebnis wenigstens noch positiv, egal was die Leute denken.“ Oh Gott, ja was hätte ich früher gedacht: Ist der bekloppt, wenn der Hund bellt noch rein zu markern?????“ So durfte ich auf dem Hundeplatz einige Male diskutieren, warum ich jetzt clickere, obwohl Marley vor Menschen weggeht. Wie würde Anke sagen: „Sei froh, dass er nicht draufgeht, tolles Verhalten.“
Wir üben also immer, wenn uns andere Hunde entgegenkamen und ich merke, in kleinen Schritten, dass es immer besser wird. Am Anfang wurde er steif, knurrte und mit Abstand zum Hund konnte er sich abwenden. Satchs Emotionen werden durch das Markern verändert, nicht mehr auf Panik geschaltet, sondern durch den Marker, die erste Bestätigung für Satch und somit schon Freude auf die kommende Belohnung = positivere Gefühle. Dann kommt das Alternativverhalten, er lernt, dass er selber der unangenehmen Situation entfliehen kann und zwar mit deutlich weniger Stress als vorher. Letztendlich dann natürlich auch die primäre Belohnung, sprich in dem Fall ein Leckerlie. Er lernt also mit dieser Situation umzugehen, das gibt Sicherheit und dieses Verhalten kann er eben erst abrufen, wenn ich ihn von der emotionale Ebene herunterhole und er somit ansprechbar bleiben kann und fähig zu denken und zu handeln. Und gerade, um die Emotionen zu verändern, muss ich eben jede kleinste Einheit in die richtige Richung clickern. Es ist toll für Satch, wenn er nur schaut, ohne zu knurren, und sich dann abwenden kann. Und natürlich haben wir erstmal auch mit einer größere Distanz zum anderen Hund angefangen.
Mittlerweile kann er sich auf höhere Distanz schon abwenden, was so ein genialer Fortschritt ist, ich hätte beim ersten Mal heulend dastehen können. Auf kleiner Distanz wird er zwar immer noch steif und je nach Hund knurrt er auch, aber ich kriege ihn immer besser wieder runter und wenn ich genau aufpasse, dann krieg ich ihn auch ohne knurren an dem anderen Hund vorbei, die Augen auf mich gerichtet. Klar gibt es immer wieder Ausnahmen wie gestern als ein Hund massiv Satchmos Distanz unterschritten hat und das gleich zweimal hintereinander. Auch da geschieht es mir immer wieder, dass ich in unsere negative Spirale reinkomme, aber es gibt dann eben auch immer mehr die Begegnungen wie heute, dass uns ein großer schwarzer Rüde entgegen kommt, mein Hund stocksteif stehen bleibt, auf ein „Satch“ sich abwenden kann (was für eine Leistung, den Feind im Rücken!!!) und freudig bei mir sein Leckerlie erwartet, was dann weg von dem anderen Hund fliegt. Diese Momente gibt es immer mehr und mittlerweile ist mein Stresspegel bei Hundebegegnungen viiiiel niedriger als noch am Anfang. Ich hoffe, dass wir das weiterausbauen können, sodass er irgendwann das steif sein vergisst und gleich freudig neben mir herläuft. Aber dort bin ich zuversichtlich, 5 Jahre das alte Verhalten und seit 5 Monaten das Markern bzw. Alternativverhalten clickern und solche Fortschritte.
Also an alle, die ebenfalls verzweifeln: Es gibt positive & schöne Wege, um den Leinenpöbler loszuwerden und zwar ohne Hilfsmittel oder gar Zwang.
Für uns jedenfalls ist es der richtige Weg und ich hoffe, dass wir bald das nächste Ziel schaffen.
Für diese gesamten Erkenntnisse, Fortschritte und Hilfestellungen möchte ich mich bei Ute & der Kommune 24 ( ;) ) bedanken. :-)